Janine Renggli

Gottesdienst am Abend, weil das Herz abends offener ist

20250727_200219 (Foto: Janine Renggli)

Mal Hand aufs Herz:
Wann waren Sie zuletzt an einem Abendgottesdienst?
Nicht bei einem Konzert oder einer stillen Andacht, sondern bei einem richtig gestalteten Gottesdienst mit Predigt, Gebet und Musik.
Ein Gottesdienst, bei dem der Tag nicht erst beginnt, sondern langsam zur Ruhe kommt?
Janine Renggli,
Ich war an einem solchen Abendgottesdienst. Am 27. Juli, ein regnerischer Sonntagabend mit gerade einmal 17 Grad und grauem Himmel. Obwohl eigentlich Hochsommer war, fühlte es sich fast schon herbstlich an. Die meisten vermutlich zu Hause. Bei Tee, EM-Finale oder einfach im Trockenen. Und doch machte ich mich auf den Weg zum dritten Abendgottesdienst der Reihe Predigten mit Herz in der reformierten Kirche Derendingen. Das Thema des Abends: Die goldenen Herzensregeln, Teil der achtteiligen Reihe Hand aufs Herz.

Die Kirche war liebevoll geschmückt. Frische bunte Blumen, Kerzen auf den Tischen und ein kleines Herz aus Glassteinen. Trotz Regen und Ferienzeit war die Kirche gut gefüllt. Pfarrer Samuel Stucki begrüsste die Gemeinde mit spürbarer Freude. Er sagte, wie sehr ihn die Vielfalt der Anwesenden berühre. So bunt, so offen, so bereit, sich einzulassen. Und man spürte: Diese Worte kamen von Herzen.

Überhaupt ist es genau das, was viele an Pfarrer Stucki schätzen und was auch mich an diesem Abend wieder beeindruckt hat. Seine direkte, klare, verständliche Art zu predigen und dabei immer nah an den Menschen zu bleiben.
Seine Worte wirken nicht lehrhaft, sondern einladend.
Nicht von oben herab, sondern auf Augenhöhe.
Und trotzdem oder gerade deshalb gehen sie tief. Sie treffen, Hand aufs Herz, mitten ins Leben.

Er sprach von Liebe. Nicht als Leistung oder Regel, sondern als Haltung. Liebe, so sagte er, sei nicht wie eine präzise Schweizer Uhr oder Maschine. Sie ist menschlich. Und oft ganz schlicht: Behandle den Menschen so, wie du selbst behandelt werden möchtest.

Diese Mischung aus Einfachheit und Tiefe durchzog den ganzen Gottesdienst.

Und während ich dort sass, fragte ich mich:
Ist das Herz abends wirklich offener?
Ich glaube ja.
Am Abend ist der Lärm des Tages leiser.
Die Gedanken sind nicht mehr nach vorn gerichtet, sondern dürfen nach innen fallen.
Man hat nichts mehr zu leisten, keine To-do-Liste mehr im Kopf. Und vielleicht genau deshalb Raum, sich berühren zu lassen.
Nicht messbar, nicht beweisbar, aber spürbar.
Und vielleicht beginnt genau da das, was Pfarrer Stucki mit Hand aufs Herz meint.

Diese besondere Stimmung wurde getragen von der Musik von Melissa Hammer.
Sie begleitete den Abend am Klavier, aber das Wort "Begleitung" ist fast zu schwach.
Sie füllte den Raum.
Sie verband die Worte mit dem, was unausgesprochen blieb.
Ihre Musik war zart, klar und voller Gefühl.
Sie spielte nicht einfach Töne. Sie spielte das Herz des Abends.

Ich habe mit einigen Menschen nach dem Gottesdienst gesprochen. Viele sagten:
Ich komme wegen Pfarrer Samuel Stucki. Seine Predigten tragen.
Ich nehme jedes Mal etwas mit. Geborgenheit, Klarheit, manchmal einfach einen Moment der Ruhe.
Mehrere Besucherinnen und Besucher beschrieben den Abend als unerwartet bewegend und wohltuend. Viele empfanden den Abendgottesdienst als besinnlicher und entspannter als den klassischen Morgengottesdienst. Man könne sich besser einlassen, weil der Tag schon hinter einem liege.

Und ich?
Solche Abende tun gut. Deshalb frage ich mich: Warum nicht öfter? Momentan gibt es den Abendgottesdienst in Derendingen einmal im Monat. Aber ist das genug in einer Zeit, in der viele genau das suchen?

Hand aufs Herz:
Wir haben unseren Alltag längst flexibilisiert. Warum nicht auch unseren Glauben?
Warum nicht Gottesdienste, die zu unseren Lebensrhythmen passen?
Warum nicht öfter abends, wenn wir wirklich Zeit haben? Nicht nur im Kalender, sondern im Herzen?

Ich freue mich schon auf die weiteren Gottesdienste der Predigtreihe Hand aufs Herz.
Die Themen, die Sprache und die Stimmung dieser Reihe berühren mich.
Weil sie mehr sind als Worte.
Weil sie einen begleiten.
Weil sie, Hand aufs Herz, einfach gut tun.


Bereitgestellt: 29.07.2025      
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