Dankbarkeit, Tränen und Applaus – Abschiedsgottesdienst für Pfarrer Reto Bichsel
Kann ein Abschied jemals ganz normal sein? Als Pfarrer Reto Bichsel nach fast zwei Jahrzehnten verabschiedet wurde, zeigte sich schnell: Hier ging es nicht nur um einen Abschied, sondern um das, was bleibt.
Janine Renggli,
Pfarrer Reto Bichsel hatte sich zu seinem Abschied einen ganz normalen Gottesdienst gewünscht. Doch wie hätte das gehen sollen nach fast zwanzig Jahren in Kriegstetten, Halten, Recherswil und Oekingen? So viele Begegnungen, Segensworte, Gespräche, Taufen, Trauungen und Beerdigungen haben diese Zeit geprägt. Kann ein solcher Tag überhaupt normal sein? Als rund 300 Menschen die Kirche füllten, war schnell klar, dass dies kein gewöhnlicher Sonntag werden konnte. Und doch war es ein Abschied mit besonderem Grund: Pfarrer Bichsel geht in die Frühpension.
Die Kirche war festlich in Blau und mit vielen Blumen geschmückt. Aber war es wirklich nur Dekoration? Nein, es war ein Zeichen der Dankbarkeit und des Respekts. Ein stilles Symbol dafür, dass hier ein Mensch verabschiedet wurde, der nicht nur Pfarrer, sondern ein Teil der Gemeinde war. Reto Bichsel hat sich über die Jahre hinweg in vielen Bereichen engagiert und ist mit den Menschen zusammengewachsen. Spürbar wurde dies im Gottesdienst, als sich die ganze Kirche mehrfach erhob und minutenlang applaudierte. Standing Ovations in einer Kirche - hätten Sie das erwartet? In vielen Augen standen Tränen, und doch lag über allem auch ein tiefes Gefühl von Dankbarkeit. Dazu erfüllte die Musik von Christoph Guggisberg und Roman Stahl den Raum und berührte die Herzen.
Ein besonderer Höhepunkt war ein Symbol, das sicher niemand so schnell vergisst. Jede Besucherin und jeder Besucher hatte eine Handvoll Erde mitgebracht. Zunächst wirkte das unscheinbar, doch während des Gottesdienstes entstand daraus etwas Lebendiges. Sechs Personen traten nach vorne, teilten ihre Wünsche und Gedanken für die Zukunft und pflanzten jeweils eine Blume in einen grossen Topf. Sechs Menschen, sechs Pflanzen, viele Hoffnungen. Am Ende stand das Gefäss am Eingang der Kirche. Wer daran vorbeiging, sah nicht einfach nur Blumen. Man sah Gemeinschaft, die trägt und spürte Dankbarkeit für das, was war und was weiterlebt.
Mitten im Gottesdienst passierte dann etwas, das ganz typisch für Reto war. Das Mikrofon fiel aus, die Batterien waren leer. Doch statt Unruhe nahm er sein eigenes Headset ab und reichte es weiter. Ganz selbstverständlich, ruhig und pragmatisch. So kennen ihn die Menschen, immer bereit, eine Lösung zu finden. Wer dabei war, dachte wohl: Genau das ist Reto.
In seiner Predigt knüpfte er an das Bild der Pflanzen an. Mit Worten aus dem Matthäusevangelium sprach er vom Bauen auf gutem Grund. Er erinnerte daran, wie er in fast zwanzig Jahren Menschen in Freude und Trauer, in Krankheit und Neubeginn begleiten durfte. Immer wieder zeigte sich, dass es diesen festen Grund gibt: Vertrauen, Gemeinschaft, Gott. Wir können pflanzen, wir können giessen, wir können pflegen. Doch wachsen lässt letztlich Gott. Kennen Sie dieses Gefühl der Entlastung, wenn man nicht alles selbst tragen muss? Genau das bleibt als eine seiner stärksten Botschaften.
Doch Reto war nie allein. Hinter ihm steht all die Jahre seine Frau Esther. Still, treu und stark unterstützte sie ihn, trug vieles mit und gab ihm Halt. Was er für die Gemeinden war, das war sie für ihn: Rückgrat und Kraftquelle zugleich. Auch der Pfarrkreiskreisrat verdient Dank. Mit grossem Engagement hatte er den Abschied vorbereitet, die Kirche geschmückt und den Ablauf getragen. So zeigte sich einmal mehr, wie stark die Gemeinschaft geworden ist, die in diesen Jahren gewachsen ist.
Beim anschliessenden Apéro riche lachten die Menschen miteinander, tauschten Erinnerungen aus und nutzten die Gelegenheit, sich persönlich von Reto zu verabschieden. Die Band One Spirit, die Reto vor Jahren mit Jugendlichen und Junggebliebenen gegründet hatte, spielte. Auch die Turmbläser traten auf und schenkte dem Fest einen festlichen Rahmen. Bei strahlendem Sonnenschein wurde der Apéro zu einem besonders schönen Abschluss.
Zum Schluss sprach Reto von Dankbarkeit. Er nannte sich selbst einen Glückspilz, so viel Vertrauen erfahren zu haben. Doch war es nicht vielmehr die Gemeinde, die sich reich beschenkt fühlen durfte? Reich an Jahren mit einem Pfarrer, der nicht nur seinen Dienst tat, sondern Kirche mit Herz und Seele lebte. Was bleibt von fast zwanzig Jahren Pfarramt, wenn nicht die Spuren im Leben der Menschen?
So wurde dieser Abschied kein normaler Gottesdienst. Es war ein Fest der Dankbarkeit, der Liebe und des Glaubens. Ein Tag, an dem spürbar wurde: Hier endet ein Kapitel, und doch bleibt es lebendig. Die Gemeinde verabschiedete Reto Bichsel nicht nur mit Dank, sondern auch mit den besten Wünschen für die Zukunft. Gemeinsam mit Esther möge er nun neue Wege gehen, gestärkt von dem, was hier gewachsen ist. Was er gesät hat, wird weiterblühen.
Und ja, man hätte diesen Bericht auch kürzer halten können. Aber wie soll das gehen bei einem Pfarrer, der so viel bewegt, aufgebaut und begleitet hat? Manche Geschichten brauchen einfach Raum.