Andrea Ziegler

Rückblick - Ein Jahr im Amt!

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Interview mit Pfarrer Samuel Stucki
Einen Blick ZURÜCK und VORAUS
Andrea Ziegler,
Pfarrer Samuel Stucki, (55) wohnt seit ein paar Tagen in Derendingen. Er ist Vater von zwei erwachsenen Töchtern und einer Pflegetochter. Er ist im Emmentaler Dorf Eriswil aufgewachsen. Vor seinem Studium als Pfarrer machte er die Ausbildung als Primarlehrer, und gab mehrere Jahre Unterricht.
Das Interview vom 2. Februar 2021 führte Andrea Ziegler aus Zuchwil.

Samuel, du bist jetzt genau ein Jahr Pfarrer und Seelsorger in Derendingen.
Wie hast Du dich eingelebt?

Mir wird von vielen Seiten ein grosses Vertrauen entgegengebracht. Ich habe bereits viele offene Türen und offene Herzen gefunden. Ich spüre Dankbarkeit für meine Arbeit, meine Präsenz, und meine Hilfe in Grenzsituationen des Lebens.

Wie schwierig war dein Start (März 20) in Derendingen, mit Corona, Lockdown und noch nicht in Derendingen wohnhaft?
Alle meine Pläne, auf die Menschen zuzugehen, wurden durchkreuzt. Keine Anlässe, Beschränkungen in Gottesdiensten und Beerdigungen. Ja, das ist ganz schön – schwer.
Ich habe jedoch die aktuelle Situation als Chance gepackt, den Menschen da nahe zu sein, wo es möglich war.

Du warst 21 Jahre Pfarrer im Unteren Leberberg. Was hat deine Arbeit dort ausgemacht?
Ich habe die Menschen zu hause besucht. Hier, in den eigenen vier Wänden, ergab sich sofort eine Atmosphäre der Vertrautheit. Menschen haben mir ihre Geschichten und ihre geheimsten Gedanken anvertraut, und sie waren froh, alles von der Seele abladen zu können. Das Zuhören und das Gespräch hat Vielen geholfen, auf neue Art auf das eigene Leben zu schauen: mutig, versöhnt, dankbar.

Weshalb hast du die Herausforderung eines Stellenwechsel auf dich genommen?
Ich war 21 Jahre Pfarrer im Unteren Leberberg. Es war meine erste Stelle. Da tut ein Wechsel einfach gut. Ich will in Derendingen meine Erfahrungen anwenden und: ich möchte weiterhin jeden Tag Neues dazulernen.

Und was war die Motivation, dass du dich ausgerechnet in Derendingen beworben hast?
Wenn man als Pfarrer eine neue Stelle anfängt, dann ist das wie eine Expedition in ein unbekanntes Land. Man kennt die Menschen nicht, man kennt die Struktur der Kirchgemeinde ebenso wenig wie die Geschichte der Gemeinde. All das wirkt in das Amt des Seelsorgers hinein. Ich bin also nicht als Wissender nach Derendingen gekommen, sondern als Entdecker und Goldsucher. Frag mich in drei Jahren, bis dann weiß ich mehr.

Welche Perspektiven siehst du nun für deinen neuen Wirkungsort?
Ich unterteile das Dorf nicht in: Kirche oder nicht Kirche. Das ist für mich eine künstliche Trennung. Den Menschen nahe – der Aufgabe verpflichtet. Das ist mein Motto in Derendingen.
Diese Aufgabe will ich aufbauen und tragen zusammen mit Ehrenamtlichen und freiwilligen HelferInnen. Denn nur mit der aktiven Mitwirkung von Vielen, kann Kirche lebbar und erfahrbar werden.

Was heißt das konkret: was möchtest du den Menschen nahe bringen?
Ich möchte Menschen Perspektiven aufzeigen für ihr Leben, entlang der drei Fragen: Woher komme ich? Was hat das Leben für einen Sinn? Wohin gehe ich?
Dabei wird zentral: wir stehen da als einzelner Mensch und sind doch verbunden mit der ganzen Schöpfung. Diese Erkenntnis bleibt nicht ohne direkte Konsequenzen für unseren Umgang mit der Schöpfung, oder auch für unsere kritische Haltung gegenüber modernen Technologien.

Was ist heute wichtig geworden für die Menschen, die Gesellschaft?
Wir leben in einer sehr komplexen Gesellschaft. Kleinste Entscheidungen können Auswirkungen haben für das Ganze. Darum ist es wichtig, dass man die Übersicht behält, klar bleibt in seinen Gedanken und in der Einschätzungen der Wirklichkeit.

Und die jungen Menschen: wie willst du sie ansprechen und einbeziehen?
Ich arbeite sehr gerne mit Kindern und Jugendlichen zusammen. Sie haben viele Fragen an das Leben, und erkundigen sich bei uns Erwachsene nach Orientierung. Hier setze ich an.
Meine drei Töchter sind mir immer Inspiration. Sie halten mich ständig auf dem Laufenden, über Themen, die bei jungen Menschen wichtig sind.
Ich arbeite vernetzt mit den Katechetinnen und der Jugendarbeiterin Rebekka Matter.

Wo kann jeder in der Fülle leben, heute?
Heute leben viele Menschen unter dem ständigen Druck, sich mit anderen zu vergleichen und zu messen. Die schöne neue Social–media-welt fördert diesen Trend. Die Fülle zeigt sich mir, wenn ich aufhöre, mich mit anderen zu vergleichen, oder mich von der Oberfläche anderer blenden zu lassen. Die Fülle des Lebens ist da, in allem was lebt, in jedem Menschen. Gottvertrauen fördert auch das Vertrauen in mich, und lässt mich erkennen, was unverkennbar zu mir gehört und mich einmalig macht, als Kind Gottes.

Und welches sind wichtige Stationen auf deinem persönlichen Weg?
Ich bin in einer großen Bauernfamilie aufgewachsen mit drei Generationen. Der Tagesablauf war strukturiert, jedes hatte seine Aufgaben: die Großmutter kochte, ich musste für die Kühe das Gras einbringen und den Tisch decken für 9 Personen. Unsere Ferien waren die Lager, die wir mit der Schule besuchten. Fernseher hatten wir keinen. Die Skirennen mit meinem Idol Bernhard Russi, durfte ich bei unseren Nachbarn mitschauen.
Ich lernte früh, dass wir Menschen aufeinander bezogen sind und es nur geht, wenn man zusammenhält.

Wie ist es überhaupt dazugekommen, dass du ausgerechnet Pfarrer studiert hast?
Ich habe die Grundhaltung des Staunens in mir. Ich war schon als Kleinkind an vielen Themen interessiert. Als Teenager habe ich abends begonnen, mit der Taschenlampe unter der Bettdecke in der Bibel zu lesen. Mich interessierte es, wie Menschen mit Gott in Beziehung treten, und: wie Gott mit uns unterwegs sein will.

Wie hat sich dein Glaube im Laufe deines Lebens entwickelt?
Ich will das darstellen mit einem Bild: die Kleider, die wir als Kinder und Jugendliche getragen haben, wurden uns irgendwann zu eng. Auch der Glaube entwickelt sich. Der Glaube des Kindes ist sehr wertvoll. Er entwickelt sich, Ansichten ändern sich, neue Werte kommen hinzu. Die Kleidergrösse ändert sich. Heute ist der Glaube eine feste Stütze in meinem Leben. Das Gebet mein Begleiter.
Mein Glaube ist nie dogmatisch, d. h. an eine starre Lehre gebunden. Er orientiert sich am Menschen, und an seiner Verantwortung dem Leben und der Schöpfung gegenüber.

Dein Glaube auf den Punkt gebracht: Glaube ist…..
…der Ruf in die Entscheidung. Will ich mein Leben in den Tag hinein leben, oder will ich leben im Sinne des Gedichts von Rilke: „Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen?“

Wie beginnst du deinen Tag?
Ich gehe eine halbe Stunde mit dem Hund hinaus, dann bereit ich das Frühstück vor. Jeden Morgen lese ich einen Text mit spirituellem Inhalt, als Inspiration für das Kommende.

Wie schließt du den Tag ab?
Ich gehe jeden Abend den Tag nochmals in Gedanken durch, mit allen Menschen, die mir begegnet sind. Dann wähle ich fünf Punkte, für die ich dankbar sein kann. Das kann sein: eine berührende Begegnung, eine Entdeckung in der Natur, eine neue Erkenntnis. Jeder Tag hat die Chance für fünf solche Lebens-geschenke. Diese Geschenke verdichten das Leben, und erheben es über das Belanglose hinaus.

Du lebst zusammen mit deiner Pflegetochter Eriona zusammen. Welches sind momentan die Herausforderungen in deinem Alltag als alleinerziehender Vater?
Mit einem Teenager zusammenleben birgt viele Risiken und Nebenwirkungen. Momentan sind wir daran, die ganz normalen Hausarbeiten aufzuteilen: Einkaufen, kochen, Staubsaugen, Abfall sortieren und entsorgen.
Einmal in der Woche schauen wir uns gemeinsam einen Film an und kommen darüber ins Gespräch.

Woraus beziehst du deine Kraft? Deine Inspiration?
Meine Kraftquelle ist die Natur. Ich bin bei jedem Wetter draußen anzutreffen, als Bauernsohn bin ich mich dies gewöhnt.
Ein gutes Buch wird mir zur Kraftquelle, oder ein Film. Ich schaue mir Filme gerne mehrmals an. Das ermöglicht mir, hinter die Oberfläche zu schauen, neue Zusammenhänge zu erkennen.

Welcher Film ist aktuell auf deiner Liste?
„Ida“, von Pawel Pawlikowski. Die Geschichte von Anna, die mit 18 Jahren mit ihren jüdischen Wurzeln konfrontiert wird, bevor sie sich entscheiden muss, in ein Kloster einzutreten. Kraftvolle Bilder, die Hoffnung und Mut stiften.
Und direkt von den Solothurner Filmtagen: „Von Fischen und Menschen“ (Stefanie Klemm). Das Drama zeigt die feinen Nuancen menschlicher Empfindungen, im Angesicht von Schuld, Tod und Neuanfang, und das alles vor der Kulisse der Juralandschaft.

Und welche Literatur inspiriert dich?
„Liebe im Ernstfall“, von Daniele Krien. Fünf Geschichten über die Liebe, geheimnisvoll miteinander verwoben und doch jede einzigartig. Das Buch trifft den Geist der Stunde.

Welche Träume möchtest du privat noch verwirklichen?
Ich möchte in meinem Leben die Zusammenhänge noch besser verstehen lernen, was das Leben im innersten zusammenhält.
Und ich plane eine Reise zu machen mit der transibirischen Eisenbahn. Das ist mein Bubetraum, der immer noch in mir schlummert.

Kurzfragen:
Deine Lieblingsbeschäftigung im Pfarramt?
Hausbesuche

Hobbies?
Filme sehen und Wandern.

Lieblingsfarbe?
Blau, in allen Schattierungen.

Kannst du gut alleine sein?
Ja.

Dein liebster Filmheld?
Mason, im Film: «Boy Hood», von Richard Linklater.

Deine wichtigste biblische Figur aus dem Alten Testament:
Jakob: sein Weg mit Gott, sein Ringen mit Gott, sein Traum der Himmelsleiter.

Liebstes Evangelium:
Lukas, weil es der menschlichen Erfahrungswelt am nächsten ist.

Liebster Bibelvers:
So viele, aber ganz sicher: «Freut euch, dass eure Namen im Himmel aufgeschrieben sind, Lukas 10, 20.

Dein Idol in der Jugend?
Bernhard Russi und die Popgruppe Abba.

Dein Buch auf dem Nachttisch?
«Froschnacht» von Max Werner und «Ein verheissenes Land», von Barack Obama.

Deine Helden in der Wirklichkeit?
Menschen, die leben in der Balance zwischen Eigenverantwortung und Gemeinschaft.

Dein momentaner Lieblingssong?
“You say” von Lauren Daigle.

Welcher Song müsste komponiert werden, wenn es ihn nicht schön gäbe?
«Fernando» von Abba. Da stimmt jede Note. Ein Popsong für die Ewigkeit.


Herzlichen Dank!

Ein Teil dieses Interviews ist in der März Ausgabe des Derendingen Aktuell erschienen.

Bereitgestellt: 18.03.2021     Besuche: 116 Monat 
aktualisiert mit kirchenweb.ch