Carlos Ferrer

Hungrige sattmachen

Bouches Inutiles / Unnütze Mäuler (Foto: Francis Tattegrain (1852-1915)): Francis Tattegrain (1852-1915) Les bouches inutiles, 1886 Huile sur toile - 136,5 x 204 cm Doullens, Musée Lombart Photo : Didier Rykner. Auf Wikipedia Commons

Bouches Inutiles / Unnütze Mäuler (Foto: Francis Tattegrain (1852-1915)): Francis Tattegrain (1852-1915) Les bouches inutiles, 1886 Huile sur toile - 136,5 x 204 cm Doullens, Musée Lombart Photo : Didier Rykner. Auf Wikipedia Commons

Was braucht es, um Hungrige satt zu machen? Ein Wunder? Eine zweite Erde? Ein Paradies für fromme Leute, etwa nach dem Motto: "Du darfst Kuchen im Himmel essen"? Das letztere ist natürlich eine zynische Haltung, die niemanden hilft, schon gar nicht dem, der sie ausspricht.
Carlos Ferrer,
Wie speist Gott die Welt? (» Fortsetzung der Predigt vom 4. Juli 2021)

Im alten Testament haben wir's von den Träumen des Pharaonen, vom Ölkrug der nicht leer wurde, vom Brot das jeden Tag neu vom Himmel regnete. Im selben Rhythmus und zur selben Melodie erzählen die Evangelien von der Speisung der 5000 und » vom wundervollem Fischfang. Die Evangelien erzählen auch vom Hunger, den die Menschen hatten, dass die Jüngerinnen und Jünger Jesu sogar am Sabbat (unreifes?) Korn vom Kornfeld sammelten, um ihn zu Stillen. Und dass Jesus einst so hungrig war, dass er vor den Toren Jerusalems einen Feigenbaum verfluchte, weil dieser nicht einmal unreife Früchte trug.

Schauen wir näher hin, sehen wir dass Hunger täglicher Begleiter der Gemeinde in Jerusalem und im Gebiet der Hebräer, Judäa, Galiläa und Samaria war. Als Paulus in Kleinasien und in Griechenland christliche Gemeinden gründete, spendeten sie Geld und Güter um ihren Geschwistern in Jerusalem über Wasser zu halten.

Im Neuen Testament wurde dies zur Wundergeschichte. Genau so haben sich die Brote und die Fische vermehrt. Als in einer von Paulus' Gemeinde, die Reichen sich am Tisch des Herrn sattassen, während ärmere hungerten, schrieb er einen Brief an diese Menschen. Im 1. Korintherbrief können wir die Spannung zwischen reich und arm nachvollziehen. Das Kurzfazit Paulus war:

So was macht man nicht. Esst euch zuhause Satt aber speist die Armen in eurer Mitte.

Ich finde, wir sind einer ganz einfachen aber auch sehr nachvollziehbaren Dynamik auf der Spur. Wenn also ein reicher Mensch sein Geld für Arme ausgibt, weil beide den selben Gott anbeten und aus der selben Hoffnung leben, so ist das ein Wunder, welches einer "Speisung der 5000" oder "Brot vom Himmel" gleichzusetzen ist. Hier wird keine fromme Zauberei beschrieben. Wir lesen hier von einer Unmöglichkeit, die sogar das schlimmste und die aller schlimmsten in der Welt für sich einspannen vermag: Die allerreichsten und die allermächtigsten. Das Wunder ist die klaffende Schere zwischen reich und arm, zwischen mächtig und un-mächtig und zwischen bedeutend und unbedeutend zu überbrücken. Mit anderen Worten, warum sollte ein*e Reiche*r sein Geld, ein*e Mächtige*r seine Macht und ein*e Bedeutende*r seine oder ihre Aufmerksamkeit jemanden schenken, der unwichtig, machtlos und ohne Mittel ist? Das wäre genauso dumm oder genauso anstössig wie den Tod eines Verurteilten durch Kreuzigung, als Heldentod oder einem Gott wohlgefallenes Opfer darstellen.

Und so kommen wir zu der Lesung, die dieser Predigt zu Grunde liegt:

Denn das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren werden; uns aber, die wir selig werden, ist es Gottes Kraft. Denn es steht geschrieben (Jes 29,14): »Ich will zunichtemachen die Weisheit der Weisen, und den Verstand der Verständigen will ich verwerfen.« Wo sind die Klugen? Wo sind die Schriftgelehrten? Wo sind die Weisen dieser Welt? Hat nicht Gott die Weisheit der Welt zur Torheit gemacht? Denn weil die Welt durch ihre Weisheit Gott in seiner Weisheit nicht erkannte, gefiel es Gott wohl, durch die Torheit der Predigt selig zu machen, die da glauben.

Denn die Juden fordern Zeichen und die Griechen fragen nach Weisheit, wir aber predigen Christus, den Gekreuzigten, den Juden ein Ärgernis und den Heiden eine Torheit; denen aber, die berufen sind, Juden und Griechen, predigen wir Christus als Gottes Kraft und Gottes Weisheit. Denn die göttliche Torheit ist weiser, als die Menschen sind, und die göttliche Schwachheit ist stärker, als die Menschen sind.
1. Kor. 1, 18-25

Gott wirkt Wunder, in dem er uns Menschen für das unmögliche einspannt. Wenn wir uns nicht von der Unmöglichkeit der Dinge aufhalten lassen, werden Gottes Träume wahr.

» Martin Luther King sagte einmal, zum Thema Welthunger:

Es werden genügend Nahrungsmittel in der Welt produziert um die Welt zu ernähren. Sie warten für viel Geld in grossen Lagerhäussern, um dann für viel Geld dorthin transportiert zu werden, wo und wenn am meissten für sie bezahlt wird. Dann werden sie vernichtet wenn dies nicht eintrifft und entsorgt. Zur gleichen Zeit hungern Menschen, weil sie nicht genug bezahlen können um sich zu ernähren. Lagern wir doch die überflüssigen Nahrungsmittel in den runzligen Magen der Hungrigen ... (leicht geändert CF)

Die Coronakrise und die Verteilung der Impfmittel zeigen uns, dass Ungleichheit nicht nur die tötet, die nicht geimpft werden, sondern dass unter den Ungeimpften immer neue Seuchenherde und Virusvarianten aufflammen, die letztlich auch zu uns kommen. Noch nie ist es mir so deutlich geworden, dass wenn einer unserer geringsten Brüder leidet, wir alle mitgezogen in sein Leid werden, durch Ansteckungswege, die keine Grenzen respektieren.

Ich komme zum Schluss. Nicht die Geschichten von Gottes Liebe sind töricht, auch wenn sie sich wie Märchen und Mythen anhören. Nicht das Kreuz oder der Tote Jesus Christus sind anstössig, so brutal die Hinrichtung auch war. Nicht die Liebe und Hingabe, die wir einander Schulden, als Christen in dieser Welt ist dumm. Dumm ist es, nicht einander zu helfen. Anstössig ist es einander einzuengen, in Muster zu zwingen und sie verrecken lassen, wenn sie nicht so tun wie wir es wollen. Töricht ist es schliesslich nicht, Märchen und Mythen von Gottes Liebe zu hören, sondern ihre Botschaft zu missachten.

Schliesslich ist es nicht das Bild in der bildhaften Sprache, auf das es ankommt, sondern dass wir dem Leben dienen, mit all unserem Wesen. Dass wir unser Brot mit hungrigen Teilen, dass wir gerecht miteinander umgehen und dass wir darauf aufpassen, dass niemand, aber auch niemand Gottes Liebe verpasst, die aus unseren Worten und unseren Taten und unserer Hinwendung in die Welt gebracht wird.
07.07.2021 20.06 Martin Joss
Sehr gut auf den Punkt gebracht!
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